Oft grob unsportliche Ergebnisse - Ein Plädoyer für einen neuen § 19 RO

01. Februar 2017

 

Die erste Kammer des Bundessportgerichts des DHB hat mit Urteil vom 23.01.2017 einen Abzug von 13 Punkten für den Drittligisten TuS Fürstenfeldbruck bestätigt. Sachverhalt und Einzelheiten sind der anhängenden Entscheidung zu entnehmen.

 

Anlässlich dieses Urteils, aber dennoch losgelöst von dem Fall Fürstenfeldbruck plädiere ich an dieser Stelle für eine dringende grundlegende Reform der Rechtsordnung, insbesondere des § 19 RO.

Diese in der Praxis sehr relevante Vorschrift ist aufgrund des fehlenden Ermessensspielraums meiner Meinung nach nicht haltbar und führt vielen Fällen zu grob unsportlichen Ergebnissen!

 

Es kann doch nicht angehen, dass im SPORT und hier geht es um SPORT, Formalien in jedem Fall über sportliche Gesichtspunkte gestellt werden!

Meiner Meinung nach bedarf die Rechtsordnung einer Generalüberholung! In vielen Bereichen ist sie nicht mehr zeitgemäß und schwer praktikabel, doch das ist ein anderes Thema, das ich an dieser Stelle nicht vertiefen möchte.

 

Insbesondere führt aber die Anwendung des in der Praxis sehr relevanten § 19 RO oftmals zu grob unsportlichen und nicht nachvollziehbaren Ergebnissen.

Im § 19 (Spielverlustwertung ohne jeden Ermessensspielraum bei Einsatz z.B. eines nicht spielberechtigten Spielers) sollte künftig unterschieden werden zwischen Fällen, in denen die Spielberechtigung nicht sofort hergestellt werden kann (z.B., weil noch eine andere Spielberechtigung besteht oder die Wechselfrist in der BL abgelaufen ist) und Fällen, in denen sämtliche Voraussetzungen für die Erteilung einer Spielberechtigung vorliegen, diese allerdings z.B. aufgrund eines Formfehlers nicht erteilt worden ist.

 

Fallgruppen unterscheiden


In der ersten Fallgruppe kann die Rechtsfolge nur Spielverlust sein, wobei auch da (Vorsatz ausgenommen) eine zeitliche Grenze gelten muss, nach deren Überschreitung keine Umwertungen für die Vergangenheit mehr möglich sind. Einfach aus Gründen der Planbarkeit des Spielbetriebs für alle Beteiligten. Die Schwere der Rechtsfolge kann doch nicht ernsthaft von dem Zufall abhängen, wann der Fehler entdeckt wird. Nach dem ersten Spieltag ist der Schaden überschaubar, vor dem letzten eine Katastrophe.

In der zweiten Fallgruppe sollte der Verein eine Geldstrafe bekommen (man kann auch über einen moderaten Punktabzug diskutieren) und gut ist. Schließlich wird der Wettbewerb nicht verzerrt, es wird niemand benachteiligt.

Würden diese Fälle so behandelt, gäbe es eine Parallele zu dem Einsatz eines Spielers, der nicht auf dem "Bogen" steht und der (sofern noch Platz auf dem "Bogen" ist) nachgetragen werden kann. Der Mannschaftsverantwortliche wird progessiv bestraft und die Sache ist erledigt.

 

§ 19 in aktueller Fassung rechtswidrig


Die völlig restriktive Gestaltung des § 19 RO ist nach meiner Auffassung rechtswidrig, da die Norm auch für Fälle leichtester Verstöße keinen Ermessensspielraum eröffnet, wohl aber zu drastischen Auswirkungen führen kann. Es muss Raum für Verhältnismäßigkeitserwägungen geben!

Aus spieltechnischer Sicht - nur die Umwertungen betrachtet - sind nämlich folgende Sachverhalte gleichgestellt:

1.) Ein Verein weiß, dass ein Spieler z.B. in Bulgarien noch eine Spielberechtigung hat, fälscht sogar die Vertragsauflösungsanzeige, beantragt beim zuständigen deutschen Verband die Spielberechtigung und setzt den Spieler ein.

2.) C-Jugend-Quali. Ein Spieler wechselt zur Qualifikation von A nach B. Der Ehrenämtler von B beantragt die Spielberechtigung, übersieht aber, dass im unübersichtlichen Online-System noch ein zusätzlicher Haken für die sofortige (sperrfreie) Spielberechtigung für die Quali zu setzen ist. Der Spieler wird eingesetzt, die Mannschaft hat das Potenzial, sich für die höchste Spielklasse zu qualifizieren, bleibt dann aber aufgrund der Umwertungen auf Kreisebene hängen.  Das ist im Sommer 2016 - pädagogisch übrigens sehr wertvoll ;-) - verbandsrechtlich von einem Bezirkssportgericht des Bayerischen Handballverbandes so bestätigt worden.

 

Das kann und darf nicht (ernsthaft) so gewollt sein!

 

Falsches Häkchen in C-Jugend härter bestraft als Dopingvergehen bei Profis


Noch ein Beispiel: Wird ein Spieler beim Doping erwischt, gibt es erst dann eine Spielverlustwertung, wenn mindestens noch ein zweiter Mannschaftskollege, der am entsprechenden Spiel teilgenommen hat, des Dopings in diesem Spiel überführt wird. Ein Gedopter alleine reicht nicht für den Spielverlust, selbst wenn der sich absichtlich über einen langen Zeitraum mit Wissen und Unterstützung des Vereins zugedröhnt hätte und es um die Deutsche Meisterschaft gegangen wäre, vgl. § 19 (1) g RO.

Leute! Den eben genannten Fall der C-Jugend-Quali spieltechnisch härter zu sanktionieren als einen bewusst und gewollten Doping"betrug": Das geht gar nicht und ist NIEMANDEM zu vermitteln!

Die teilweise in der öffentlichen Diskussion vertretene Aussage: "Regel ist eben Regel!", lasse ich nicht gelten. Das ist mir viel zu einfach!

Regeln kann (und muss) man einerseits ständig den tatsächlichen Gegebenheiten und der Zeit anpassen - und nicht seit gefühlt 1950 unverändert nach dem Motto: "Dat hävv wi jümmer zau mauket!" ins Jahr 2017 durchschleppen - und andererseits unterliegt auch die Regelgebung durch Verbände rechtstaatlichen Regeln!

Gerade und erst recht im SPORT muss das so sein. - Es geht hier um HANDBALLSPORT, nicht um Bau- oder Betriebsgenehmigungen für Kernkraftwerke!

 

Liebe Handballfreunde an den Stellschrauben der Ordnungsgebung in den Verbänden: Bitte geht in euch und passt endlich diesen unsäglichen § 19 RO an die Grundgedanken des Handballsports an!

 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

 

 

Helge-Olaf Käding

Urteil der 1. Kammer des Bundessportgerichts des DHB im Fall TuS Fürstenfeldbruck
Bundessportgericht_-_1._Kammer_4_2016_Ur[...]
PDF-Dokument [225.0 KB]

Kontakt und Terminvereinbarung

Anschrift

Rechtsanwalt
Ziethenstr. 5
32425 Minden

 

Zweigniederlassung

Heidbrinksfeld 7

32361 Preußisch Oldendorf

 

Telefon

+49 571 64 56 56 33

 

Fax

+ 49 571 64 56 56 34

 

Mobil

+ 49 178 45 234 64

= +49  178 - hkäding

 

E-Mail

info (at) hok-online.de

info (at) handballrecht.de

 

Oder nutzen Sie unser Kontaktformular.